HiLiner Ausfahrt

Seit einigen Tagen kann ich nun stolz einen wunderschönen, leuchtorangenen HiLiner mein Eigen nennen. Während ich zusammen mit Steffen in Weida noch bei Tiefschnee die letzte Montage und Probefahrten gemacht hatte, stand schon die erste kleine Reise auf meinem Terminkalender: Weißrussland. Allerdings will ich danach noch weiter nach Russland - trampend. So schön der HiLiner auch aussieht, würde er mir beim Trampen wohl eher hinderlich sein. Zum Glück gibt es für wenig Geld durchgehende Züge von Warschau nach Berlin. Unter diesen Vorraussetzungen erklärte sich meine Mitfahrerin Lea bereit, beide Räder wieder nach Berlin zu bringen. Sowieso zeigte sie einen bewundernswerten Mut. Noch nie Liegerad gefahren war sie doch begeistert von der spontanen Idee nach Warschau zu radeln.

Ein zweites Liegerad war auch schnell gefunden: der Prototyp HiLiner Maximus, den uns Steffen freundlicherweise überließ. Noch schnell einen stabilen Gepäckträger an den orangenen Hiliner gebaut, den wegen der etwas kleineren Bauart Lea fahren sollte, Sachen gepackt und es konnte losgehen.

HiLiner Überunden auf Tempelhof
Lea fährt ein paar Proberunden auf dem Tempelhof
Am Müggelsee
Erste kurze Pause am Müggelsee

An die etwas andere, durch die Rucksäcke recht hohe Schwerpunktlage mit 20Kg auf dem Gepäckträger mussten wir uns erstmal gewöhnen. Vor allem durch die berliner Vorstadt, mit ihren unglaublich schlechten Radwegen und agressiven Autofahrern, war es alles andere als entspannt. Erst als der Müggelsee auftauchte konnten wir aufatmen.

Weiter ging es über Erkner den R1 bis zur B1/5 und diese dann über Müncheberg und Seelow nach Küstrin. Auf der Strecke wechselte sich sehr schnell befahrene Bundesstraße mit gut ausgebautem Radweg ab. Wenn man nicht so schnell wie möglich aus Deutschland flüchten will, sollte man wohl den Umweg des R1 weiter nördlich fahren.

Das Wetter war bombastisch, die Sonne schien wie schon den ganzen Winter nicht. Die beiden HiLiner rollten wie von selbst, und die kleinen Hügeln bergab zu fahren kam dem Gefühl von Fliegen schon sehr nahe. Vor allem die hohe Sitzposition ist einfach genial und sorgt nicht nur für mehr Sicherheit, sondern man schwebt sozusagen über die Straße hinweg.

Polnische Grenze
Kurz vor der Grenze

Am Nachmittag erreichten wir dann, genau bei Kilometer 100 die polnische Grenze mit der eindrucksvollen Stadtbefestigung des alten Küstrins in die Oder gebaut.

Danach änderte sich die Landschaft schlagartig, wo vorher noch Felder und ab und zu ein Industriegebiet die Straße gesäumt hatten, erstreckte sich zu linken der Nationalpark Warthemündung, durch den hohen Wasserstand fast vollständig in tiefes blau getaucht, mit vertrockneten Schilfinseln und unzähligen Wasservögeln, die die Stille dominierten. Auf der rechten Seite bewaldete Hügel und Wiesen; ab und zu ein Haus, ansonsten Wildnis.

Sowieso war es nach der Grenze viel angenehmer zu fahren. Obwohl eine Hauptstraße, waren kaum Autos unterwegs. Und wenn welche kamen, so hielten sie vernünftig Abstand und meinten nicht, wie oft in Deutschland passiert, uns mit knappem Wiedereinscheren von der Straße scheuchen zu müssen. Viel öfter wurde uns anerkennend zugewunken, ich war absolut positiv überrascht. Zwar sind mir die Menschen in Polen von meinen verschiedenen Reisen dorthin schon immer sehr sympathisch, ich war mir aber nicht sicher, ob dieses Prinzip auch auf der Straße bestehen würde.

Wir schafften noch weitere 30Km bis es anfing zu dämmern. Nachdem wir ein bisschen mit Licht weitergefahren waren, wurde es Lea zu heikel und wir beschlossen uns ein nettes Plätzchen zum Übernachten zu suchen. Wenn auch nur 130Km, war das doch die weiteste Strecke, die ich bisher auf einem Liegerad am Stück gefahren war. Meine Knie fühlten sich etwas schwamming an, aber darüberhinaus konnte ich mich einfach aus dem Ventisit-Sessel erheben und fühlte mich wunderbar. Keine schmerzenden Handgelenke, kein Wunsch nach einer Rundum-Rücken-Wellness-Kur und keine Scheuerstellen am Hintern. Einfach nur das gute Gefühl doch einiges geschafft zu haben.

Nachts dann das Rauschen von Regen auf dem Zelt. Normalerweise liebe ich das Geräusch, aber wenn ich weiß, dass bald der Wecker klingelt und ich dann da raus muss, erschauder ich doch leicht, roll mich fest in meinen Schlafsack und bemühe mich noch ganz tief zu schlafen. Tiefhängende Wolken begrüßten uns am Morgen. Nachdem alles regendicht auf dem Fahrrad verstaut und Leas leckerer Apfelgrießbrei verdrückt war gings weiter.

Sieraków
Kirche in Sieraków
Zugbrücke
Idyllische Zugstrecke

Anfangs durch dichte Kiefernwälder und, nachdem die Morgenträgheit überwunden war, klarte nach und nach der Himmel auf. Die Landschaft wurde jetzt auch immer häufiger von kleinen Dörfern und Feldern geprägt. Aber dafür, dass wir die Route eigentlich nicht geplant, sondern einfach den kürzesten Weg nach Warschau fuhren, war alles traumhaft schön.

Dann mittags in Gozyn die erste Panne: Beim bergabfahren ein doch recht ordentliche Schlagloch übersehen und trotz Federgabel schlug es den Schlauch durch und innerhalb von Sekunden war die Luft an die Freiheit geflüchtet. Um nicht gleich einen von Steffens guten neuen Schläuchen zu verbraten, versuchte ich die lokale Bevölkerung in die Problemlösung zu integrieren - wir hatten nämlich Flickzeug vergessen. Tja etwas peinlich, und, da es Sonntag war, auch gar nicht einfach zu lösen. Nachdem sich einige Leute rührend bemüht hatten meiner, mit ein paar Brocken polnisch und Händen und Füßen vorgebrachte Bitte nachzukommen - der Mensch mit dem Flickzeug aus der Nachbarschaft war wohl auf Reise - nahmen wir doch den Schlauch.

Ein kurzes Stück fuhren wir dann wieder den R1, der hier auf der Straße zwischen Gozyn und Miedzychod nach Norden führt, und hielten uns dann weiter Richtung Osten. Hier fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein durch hellen Mischwald die Warte entlang bis Murowina Goslina.

Jakob auf HiLiner
Jakob auf HiLiner
Regenschutz
...mit dem unnütz gewordenen Regenschutz

Doch langsam zeigte sich dass Liegeradfahren doch etwas Eingewöhnungszeit benötigt. Leas Knie begann zu schmerzen, was wohl mit den anders beanspruchten Muskeln zu tun hat. Auch werden die Knie deutlich mehr bewegt als auf einem Aufrechtrad, weil dort am Berg die Belastung durch das stehende Fahren bei gestrecktem Bein erfolgt, beim Liegerad jedoch immer von den Knien übertragen wird. Abhilfe schaffen hier zum Teil Klickpedale und man sollte sich am Anfang des Liegeradfahrens ein paar Wochen Zeit geben um den Körper an die andere Belastung zu gewöhnen.

Da Murowina Goslina aber kein schöner Ort zum übernachten ist und wir auch eigentlich noch unser Tagespensum erfüllen wollten, biss sie die Zähne zusammen und wir fuhren bei Dunkelheit weiter. Die nächsten 10Km war eine durch Baustellen beengte Schnellstraße und sehr unangenehm zu fahren, weil die Straße rechts einen knappen Meter tief aufgerissen war. Jeder falsche Schlenker nach rechts hätte mit Sicherheit das Ende der Fahrradtour bedeutet und so waren wir heilfroh, dieses Stück unbeschadet hinter uns zu bringen. Doch wir hatten uns zu früh gefreut. Auf der kleinen Verbindungsstraße nach Gniezno wurde Lea von einem entgegenkommenden LKW so stark geblendet, dass sie von der Straße abkam und in den Straßengraben stürzte. Dieser war zwar keinen Meter tief, aber ihrem Bein bekam der Sturz überhaupt nicht gut. Einen Kilometer weiter fanden wir dann zum Glück einen schönen Platz zum Zelten und hofften, dass der Schlaf die diversen Blessuren richten würde.

Unser Zelt
Unser Zelt morgens, Raureif auf den Fahrrädern

Die Nacht brachte starken Frost. Am nächsten Morgen glitzerte alles ringsum in der Morgensonne und die Räder waren von einer weißen Schicht überzogen. Ich fühlte mich gut erhohlt, doch Lea humpelte mehr als sie laufen konnte und schweren Herzens schauten wir auf der Karte nach dem nächsten Bahnhof. Dieser war zum Glück nicht allzuweit entfernt. Trotzdem sind 25Km mit schmerzenden Knien kein Spaß und ich bewundere Leas Durchhaltevermögen wie sie sich ohne Murren durchkämpfte. Es fuhr dann auch gleich ein Zug nach Poznan und auch Fahrradkarten waren kein Problem.

HiLiner am Bahnhof
HiLiner am Bahnhof von Gniezno
Im Zug
Trotz Übergröße, HiLiner passen gut in polnische Züge

Der Schaffner schickte uns in die erste Klasse, weil es dort am meisten Platz für die Fahrräder gab, was wir uns natürlich nicht zweimal sagen ließen. Auch die 8€/Person incl. Fahrrädern kommen mir im Gegensatz zu den deutschen Preisen recht fair vor. In Poznan wurde es dann aber etwas komplizierter: Eine Person und zwei internationale Radkarten ging nicht, es sei denn der Schaffner drückt ein Auge zu. Da Lea aber damit schon schlechte Erfahrung in Rumänien gesammelt hatte entschloss ich mich schweren Herzenz noch ein Ticket für 30€ nach Berlin dazuzukaufen. Selber fuhr ich dann aber nach Warschau, dank Studentenrabatt für 8€.

Rückblickend war es wirklich eine tolle Tour und ich bin auch nicht weiter traurig, dass es diesmal nicht bis Warschau geklappt hat. Ich denke wir haben landschaftlich das Schönste mitgenommen und hoffe sehr das Lea sich schnell erholt und danke ihr für die schöne Zeit und Steffen für die fürsorgliche Unterstützung!

Poznan Bahnhof
Abschied in Poznan am Bahnhof